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  Mies van der Rohe  
     
 
Die industrielle Revolution hatte bereits einen kritischen Punkt erreicht, als am 27. März 1886 Ludwig Mies in Aachen geboren wurde. (Eltern: Michael Mies und Amalie Mies, geborene Rohe) Als jüngstes Kind wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf, die dem Status des Vaters als Steinmetzmeister entsprachen. Mies genoß nur eine minimale Schulbildung, lernte jedoch im väterlichen Betrieb die Eigenschaften des Steins und den Wert guter Materialien und Handwerkskunst kennen.
Der Ursprung für Mies' Interesse zuerst an Struktur, später an Architektur war das Ergebnis seiner natürlichen Neugier und Fähigkeit, gepaart mit dem Einfluß des Elternhauses und dem Eindruck, den die gebaute Umwelt auf ihn machte.
Zitat Mies: "Ich erinnere mit, daß ich als Knabe in meiner Heimatstadt viele alte Bauten gesehen habe. Nur wenige dieser Bauten waren von Bedeutung. Sie waren meist sehr einfach und klar. Ich war von der Strenge dieser Bauten beeindruckt, weil sie nicht einer bestimmten Epoche angehörten. Sie standen schon über tausend Jahre lang und waren noch immer eindrucksvoll, und nichts konnte diese Tatsache ändern. Alle großen Stilrichtungen waren an ihnen vorbeigegangen, aber sie waren immer noch da. Sie verloren nichts und waren immer noch so gut wie zur Zeit, als sie gebaut wurden. Es waren mittelalterliche Bauten ohne besonderen Charakter, aber sie waren wirklich gebaut."
1901 begann Mies seine berufliche Karriere. Zunächst arbeitete er für Max Fischer, dessen Betrieb auf die Herstellung von Stuckdekorationen für Innenräume spezialisiert war. Hier entwickelte er seine Begabung zum freien Zeichnen. Anschließend nahem er eine Anstellung in einem Architekturbüro an. Sein Interesse für geistige Dinge begann sich zu entwickeln.
Zitat Mies: "Ich hatte keine Architekturausbildung im herkömmlichen Sinne. Ich arbeitete für ein paar gute Architekten, ich laß ein paar gute Bücher - das ist schon alles."
Schließlich wurde Mies ermutigt, sich eine Arbeit in Berlin zu suchen. Innerhalb von zwei Jahren nach seiner Ankunft und nach einer Anstellung im Büro von Bruno Paul, der für seine Wertschätzung des Materials Holz bekannt war, erhielt Mies seinen ersten eigenständigen Auftrag. Das Haus Riehl in Neubabelsberg (1907) konzipierte er als schlichten Kubus mit Satteldach. Das Haus gleicht damit dem in diesem Viertel vorherrschenden Wohnhaustyp. Es unterscheidet sich jedoch durch die offensichtliche Sorgfalt bei der Proportionierung und der geschickten Platzierung auf dem Grundstück, unter Ausnutzung der Hanglage.
Einige Zeit später fügt Mies seinem Namen den Mädchennamen seiner Mutter in abgewandelter Form hinzu und nannte sich von nun an Ludwig Mies van der Rohe. Mies konnte keinen Namen gebrauchen, der seiner Karriere vielleicht durch die Assoziation mit "mies, elend, erbärmlich" im Wege stehen würde. Trotz dieser Geste wurde er weiterhin "Mies" genannt. Ironischerweise wurde, nachdem die Qualität seiner Arbeit weltweit Anerkennung gefunden hatte, "Mies" gleichbedeutend mit "präzise, kultiviert, elegant".
Mies war ab 1908 zu verschiedenen Zeiten im Büro von Peter Behrens beschäftigt, anfangs als Assistent von Walter Gropius, später arbeitete er mit Behrens selbst zusammen. Behrens war derzeit einer der einflußreichsten Architekten Europas und ein Hauptvertreter der Schinkelschule, jener Architekten, die sich am klassizistischen Werk Karl Friedrich Schinkels orientierten.
Bei Behrens arbeitete Mies auch an dem Bau der AEG Turbinenfabrik und dem Gebäude der deutschen Botschaft in St. Petersburg, beide Zeichen der ästhetischen Bandbreite Behrens'.
Im Jahre 1910 fand in Berlin eine umfassende Ausstellung von Frank Lloyd Wrights Arbeiten statt.
Zitat Mies: " Das Werk dieses großen Meisters führte uns in eine architektonische Welt voll unerwarteter Kraft, in eine Welt der Klarheit der Sprache und des überraschenden Reichtums der Form. Hier endlich gab es einen Baumeister, der sich an der wirklichen Quelle der Architektur befand."
Während seines Aufenthaltes in Holland lernte Mies eine Reihe von Berlages Bauten kennen, die auf Mies ebenfalls einen Eindruck hinterließen.
Zitat Mies: "Was mich an Berlage am meisten faszinierte, war seine sorgfältige Konstruktionsweise, ehrlich bis auf die Knochen. Und seine geistige Haltung hatte nichts mit Klassizismus gemein; überhaupt nichts mit historischen Stilen. Nach Berlage hatte ich mit mir zu kämpfen, um mich vom Klassizismus zu lösen."
Mies brauchte jedoch Zeit, um die Lehren von Wright und Berlage zu assimilieren und zu verarbeiten. Erst zu Anfang der zwanziger Jahre manifestierten sich die Stärke von Berlages Vorstellungen von Struktur und die räumliche Offenheit von Wrights Architektur. Der kollektive Einfluß von Schinkel, Behrens, Wright und Berlage ließ in Mies die Vorstellung einer dem Industriezeitalter angemessenen Architektur reifen.
Zitat Mies: "Nicht die baukünstlerischen Leistungen lassen uns die Bauten früherer Zeiten so bedeutend erscheinen, sondern der Umstand, daß antike Tempel, römische Basiliken und auch die Kathedralen des Mittelalters nicht Werke einzelner Persönlichkeiten, sondern Schöpfungen ganzer Epochen sind. Wer fragt angesichts solcher Bauten nach Namen, und was bedeutet die zufällige Persönlichkeit ihrer Erbauer? Diese Bauten sind ihrem Wesen nach ganz unpersönlich. Sie sind reine Träger eines Zeitwillens. Hierin liegt ihre tiefste Bedeutung. Nur so konnten sie Symbole ihrer Zeit werden."
Es war die transzendente, fast metaphysische Einstellung zur Technik, die Mies' Werk von dem seiner Zeitgenossen unterschied. Diese Haltung wurde in den Häusern, die in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre entstanden, so zum Beispiel Haus Wolf in Guben (1925) und die Häuser Lange und Esters in Krefeld (1927-30) nur ansatzweise umgesetzt.
Die Überwindung des ersten Weltkrieges und seiner Folgen für die Gesellschaft und die Inflation, boten die Gelegenheit zum ersten Mal in der Geschichte der Baukunst, nicht das Bauen für eine Elite, nicht Schloß, Palast oder Kirche, als zentrale Bauaufgaben, an denen sich das Wollen einer Epoche ablesen läßt, sondern das Bauen für die Massen in den Mittelpunkt zu rücken. So rückten der Wohnungs- und der Siedlungsbau als neue Schwerpunkte in das Denken der Architektur.
Der Werkbund, zu dem sich Architekten, Künstler, Industrielle und Kaufleute bereits 1907 zusammenschlossen, hatte das Ziel, den Zwiespalt, der durch die Entfremdung zwischen dem gestaltenden Künstler und der ausführenden Industrie entstanden war, zu überwinden. Mit seinem Protest gegen die Kommerzialisierung des Kunstgewerbes, gegen die Herstellung gestalterisch schlechter Produkte und seinen Forderungen nach Material- und Werkgerechtigkeit, initialisierte er 1925 die Weißenhofsiedlung.
Mit seinem Appartmentblock für die Weißenhofsiedlung in Stuttgart begann Mies die wirkliche Klarheit und das Bekenntnis zur Technik seiner Architektur durchzusetzen.
Der Bacelona-Pavillon, wie der deutsch Pavillon der Weltausstellung von 1929 in Barcelona allgemein bezeichnet wird, hatte keine wirkliche Zweckbestimmung. Seine Präzision und Vollkommenheit machten ihn jedoch zu einer Apotheose deutscher Handwerkskunst und Industrie, zu einer Metapher der Technik des 20. Jahrhunderts. Mit dem Pavillon vollendet Mies die bedeutende Entwicklungen des freien Grundrisses und des räumlichen Flusses.
Zitat Mies: Eines Abends arbeitete ich noch spät am Pavillon und machte eine Skizze von einer frei stehenden Wand und bekam einen Schock. Ich wußte, daß ich eine neues Prinzip erfunden hatte."
Der Bau gleicht insofern einer Möbiusschen Fläche, als daß man beim Durchschreiten den Außenraum zuerst als Innenraum wahrnimmt. Fußboden, Dach und Wandflächen schließen den Raum nicht ein, sondern definieren ihn, indem sie seine Existenz klären und artikulieren. Das Ergebnis ist eine profunde strukturelle Klarheit.
Die zeitgenössische Kritikerin Helen Appleton Read schrieb: "Unter den vertretenden Nationen machte nur Deutschland seinen modernen industriellen und kulturellen Status symbolisch deutlich." Über Mies selbst schrieb sie: "Er ist ein radikaler Rationalist, und seine Entwürfe sind von einer Leidenschaft für schöne Architektur bestimmt. Mies zählt zu den wenigen modernen Architekten, die ihre Theorien über sterile funktionelle Formeln hinaus in künstlerische Gestaltung umsetzen. Die Mittel, mit denen er den Eindruck eleganter Heiterkeit erzielt, sind seine Materialien und seine räumliche Konzeption."
Die erste Gelegenheit für Mies seine Vorstellungen von Raum und Struktur anzuwenden, bot sich in Form eines Bauauftrages für Haus Tugendhat (1928- 30). Das Untergeschoß dieses zweistöckigen Wohnhauses - der Hauptwohnbereich - ist als einziger großer Raum konzipiert. Dieser wird durch eine frei stehende Onyxfläche und eine gebogene Ebenholzwand unterteilt. Im Haus Tugendhat werden die herkömmlichen Definitionen von "Raum" und "Funktion" außer Kraft gesetzt und einer neuen Bedeutung unterzogen.
Im Jahre 1930, auf dem Höhepunkt seiner europäischen Laufbahn, wurde Mies zum dritten und, wie sich zeigen sollte, letzten Direktor des im Jahre 1919 von Walter Gropius gegründeten Bauhauses in Dessau berufen. Die Lehre am Bauhaus beruhte auf zwei wichtigen und voneinander abhängigen Prinzipien: Künstler sind Handwerker, denen die Verantwortung für die Erfüllung bestimmter ästhetischer und funktionaler Bedürfnisse übertragen wird; weiterhin soll die Maschine, als das primäre Produktionsmittel bei dem Entwickeln von dem Industriezeitalter gemäßen Produkten Verwendung finden.
Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten verschlechterten sich jedoch die Chancen für die Moderne in Deutschland. Veröffentlichungen über den Bacelona-Pavillon und das Haus Tugendhat wurden von der Presse diffamiert. Mies zog es vor diesen Konflikt nicht durch weitere Veröffentlichungen anzutreiben.
Haus Heusgens in Krefeld (1932) wurde im stillen Schatten dieser Krise entwickelt. Als pragmatische und zweckgebundene Bauaufgabe folgt es in direkter Entwicklungslinie dem Haus Tugendhat. Die Eingangssituation, die funktionale Teilung der Geschosse, Details der Treppenführung, der Fassaden und der Ein- und Ausblicke entsprechen sich. Das nur flach ansteigende Gelände erlaubt jedoch eine noch stärkere Klarheit der Raumzuordnung und der Funktionen. Verlängerte Wände, die jedoch nicht ausgeführt wurden, greifen als Geste der Verschmelzung in den Außenraum. Diese ausgreifenden Wände finden sich bereits in seinem Entwurf für ein Landhaus aus Backstein von 1924 wieder.
Das Gebäude bildet als Komposition miesscher Prinzipien für ein in den Naturraum eingebettetes Haus den vorläufigen Abschluß der Bautätigkeit seines Architekten in Europa.
Das sich verändernde politische Klima brachte das Bauhaus in Bedrängnis, so daß Mies 1932 gezwungen war die Pforten zu schließen. Wenige Monate später eröffnete er eine neue, private Schule in Berlin, die jedoch auf Druck der Nationalsozialisten 1933 ebenfalls schloß.
Die Auftragslage für Architekten der Moderne verschlechtert sich, in Wettbewerben konnten sie sich gegen die Lobbisten der Nationalsozialisten nicht durchsetzen.
Mies zog sich zurück, was sich auch in seinem besonderen Interesse für eingeschossige Häuser mit ummauerten Höfen ausdrückte.
Als sich 1937 die Möglichkeit bot, einen Bauauftrag in den USA abzuwickeln, traf Mies dort mit John Holabird zusammen. Dieser bot ihm die mögliche Berufung an das Armour Institute of Technology an. Mies akzeptierte und verließ 1938 Deutschland.
Es erscheint schicksalhaft, daß sich Mies in Chicago niederließ. Hier fand er eine seiner eigenen Architektursprache verwandte Bautradition vor. Die Schule von Chicago fußte auf den gleichen technischen Wurzeln und der gleichen Sorge um Klarheit und Ausdruck, wie sei eigenes Werk.
Zitat Mies: "Wir wollten nicht das machen, was Sullivan machte. Wir sehen das mit anderen Augen, weil es eine andere Zeit ist. Sullivan glaubte immer noch an die Fassade. Es war noch die alte Architektur. Er kam nicht darauf, daß die Konstruktion allein genug sein könnte."
Zwei Jahre nach seiner Ankunft in Chicago wurde das Armour Institute mit dem Lewis College zum Illinois Institute of Technology (IIT) vereinigt. Henry Heald, Präsident des IIT, bat Mies, einen Gesamtplan für den neuen Campus zu erstellen und den Entwurf sämtlicher neuen Bauten zu übernehmen. Dies bedeutete eine beispiellose Chance. Da der Landerwerb (über 3000 Einzelparzellen) lange Zeit in Anspruch nahm, war Mies gezwungen bei der Realisierung mit Jahrzehnten zu rechen. Er sah die Anwendung eines Ordnungsschemas vor, das flexibel genug sein mußte, um auf Unterrichtsräume, Labors und Büros gleichermaßen anwendbar zu sein. In ihrer Gesamtheit legten diese Bedingungen die Skelettbauweise nahe, wegen der sich daraus ergebenden Flexibilität und Wirtschaftlichkeit.
Zitat Mies: "Das Konzept ist zugleich radikal und konservativ. Es ist radikal, weil es die wissenschaftlichen und technologischen Impulse und Kräfte unserer Zeit aufnimmt. Es hat wissenschaftlichen Charakter, ist aber keine Wissenschaft. Es benutzt technische Mittel, ist aber keine Technologie. Es ist konservativ, weil es nicht nur einen Zweck hat, sondern auch einen Sinn, weil es sich nicht nur um die Funktion bemüht, sondern weil es auf den ewigen Gesetzen der Architektur beruht: Ordnung, Raum, Proportionen."
Bis 1950 hatte sich Mies als Architekt etabliert, der die Richtung der amerikanischen und internationalen Architektur während der nächsten beiden Jahrzehnte bestimmen sollte. Jedoch gab es auch zeitgenössische Kritik: "Mies wendet sich an einen sehr selten gewordenen Typus des Interlektuellen. Sein Werk hat etwas Bestürzendes, eine Klarheit und Konsequenz, die alles beiseite schiebt, was nicht brutal ehrlich ist, und zu einer monumentalen Einfachheit führt."
Mit dem Farnsworth House (1946-51) veränderte Mies radikal die Vorstellung von Wohnhausarchitektur. Das Haus besteht aus Dach und Bodenplatte, die von acht frei liegenden Stützen getragen werden. Der verglaste Wohnraum enthält nur zwei feste Elemente mit Service-Funktionen, die durch ihre Anordnung die übrigen Bereiche definieren.
Die 810 North Lake Shore Drive Appartments, die Mies zusammen mit Herbert Greenwald errichtete, waren die ersten nahezu gänzlich aus Glas und Stahl bestehenden Appartmenthäuser. Sie leiteten eine neue Ära in der Architektur ein und legten mit ihrem Grad an geschliffener Eleganz einen neuen Qualitätsmaßstab für Appartmenthäuser fest.
Bei seinem Entwurf für den Pavillon der Weltausstellung in Brüssel (1935, nicht ausgeführt) hatte sich Mies bereits mit großen, freitragenden Hallen auseinander gesetzt. Mit der Crown Hall auf dem IIT Campus greift Mies die Idee des stützenfreien, universalen Raumes, der einer Vielfalt von Aktivitäten und Funktionen Platz bietet, wieder auf.
Mit dem Entwurf für die Convention Hall war Mies' räumliche Typologie vollständig. Umsetzen konnte er diese jedoch erst beim Bau der Neuen Nationalgalerie in Berlin.
In ähnlicher Weise stellt das Seagram Building (1954-58) in New York seine endgültige Aussage über das Bürohochhaus dar. Die Suche nach dem vollkommenen Ausdruck dieses Bautypus begann für Mies 1921 mit den zwei Projekten für Hochhäuser aus Glas. Wenn auch sein Entwurf für das Hochhaus an der Friedrichstraße noch keine eindeutige konstruktive Aussage trifft, so formuliert er doch drei grundsätzliche Gedanken: Leichte, nicht über die Fassaden abgetragene Konstruktion ohne feststehende Stützwände, transparente Gebäudehülle und die gesonderte Behandlung der Erschließungskerne. In weiteren Projekten für Büro- und Kaufhäuser von 1928 und 1929 hat Mies bereits detaillierte Vorstellungen von der Bauart verglaster Skelettbauten.
Zitat Mies: "Nur im Bau befindliche Wolkenkratzer zeigen die kühnen konstruktiven Gedanken, und überwältigend ist dann der Eindruck der hochragenden Stahlskelette. Mit der Ausmauerung der Fronten wird dieser Eindruck vollständig zerstört, der konstruktive Gedanke, die notwendige Grundlage für die künstlerische Gestaltung vernichtet und meist von einem sinnlosen und trivialen Formenwulst überwunden."
Die Vollendung des Seagram Buildings markierte den Zenit in Mies' Karriere.
Als er 1958 als Direktor der School of Architecture am IIT zurücktrat, löste sich die Verbindung zum IIT. Auch mehrten sich zunehmend negative Reaktionen auf seine Arbeit. Der chicagoer Architekt Harry Weese bemerkte: "Mies bleibt unser Gewissen, aber wer hört heute schon auf sein Gewissen."
Mies war sich dieser Haltung durchaus bewusst, zeigte sich jedoch davon nicht irritiert. Zusammen mit der Technik waren Logik und Vernunft Aspekte der Ordnung. Es ist ein Charakteristikum von Mies, daß er jedes Bauproblem auf die klarste und elementarste Form reduzierte. Eben diese Eigenschaften von Knappheit und visueller Integrität bilden jedoch das größte Hindernis beim Verständnis seiner Arbeit.
Zitat Mies: "Ich habe versucht, Architektur für eine Gesellschaft im Zeitalter der Technik zu machen. Ich wollte alles vernünftig und klar halten - eine Architektur zu haben, die jeder machen kann. Einige Leute halten das was ich mache für "kalt". Das ist lächerlich. Man kann sagen ein Glas Milch ist warm oder kalt. Aber nicht Architektur. Mich langweilt das Zeug, das ich um mich herum sehe. Es hat weder Logik noch Vernunft."
Versucht man sein Werk auf den Punkt zu bringen, lassen sich vielleicht diese zeitlosen Werte und Wahrheiten herausstellen:
1. Technik ist wichtigste Triebkraft in unserem und jedem anderen Zeitalter.
2. Architektur, die diesen Namen verdient, muß dieser Kraft Ausdruck verleihen.
3. Eine in physischer und geistiger Hinsicht klare Struktur stellt die einzige Art dar, mit der sich architektonischer Raum verwirklichen lässt.
4. Raum existiert als Kontinuum und nicht als etwas Statisches, von dem Architektur dann lediglich ein genauer bezeichneter Teil ist.
Diese Regeln musste Mies jedoch im Verlaufe seiner Karriere erst entwickeln.
Man sollte Mies vielleicht als Menschen verstehen, der sich zunächst beeinflussen lassen musste. Da er sein Handwerk analytisch genau nahm, dachte er die Einflüsse seiner Umgebung und die der Moderne jedoch weiter, dass sie verständlich wurden. Klarheit und Logik führten Ihn zur Gestaltung und beherrschten seine Architektur. Besonders setzte er sich in seinem Leben mit den Bauformen des Wohnhauses, des Bürohauses und der Halle auseinander. Für jede entwickelte er eine Formel und lieferte den gebauten Beweis für deren Richtigkeit. So sind seine Projekte keine Einzelobjekte, sondern ergeben in ihrer Folge einen Prozess der Entwicklung, der nur als Ganzes begriffen werden kann. Mies' größte Leistung ist, dass sein Werk durch seine rigorose Beschränkung auf das Wesentliche für seine Zeitgenossen nachzuvollziehen war. So wurde seine Architektur das stille Vorbild einer ganzen Epoche; das Maß, an dem sich alles misst.
Ludwig Mies van der Rohe starb am 17. August 1969 in Chicago.
 
 
Quellen:
"Mies van der Rohe - Vorbild und Vermächnis", Hrsg. Heinrich Klotz, Ernst Klett Verlage GmbH und Ko. KG, Stuttgart
"Weissenhofsiedlung Stuttgart", Jürgen Joedicke, Karl Krämer Verlag Stuttgart, 2000
"Haus Heusgen am Hülser Berg", aus "Der Niederrhein", April 2003, Heft 2
"Im Brennpunkt der Moderne: Mies van der Rohe und das Haus Tugendhat in Brünn", Wolf Tegethoff, Hypovereinsbank, München